Soldier M.I.A.

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Im Kampf verschwunden / Missing in Action
Von Anna Volkland (25. November 2023, English Theatre Berlin)

Beobachtungen und Gedanken zur Berliner Aufführung von SOLDIER M.I.A.

Noch bevor ich die Performance SOLDIER M.I.A. gesehen habe, bin ich beeindruckt von ihrer Online-Ankündigung. Vielleicht lese nur ich es so, aber in meinen Augen enthält sie – angesichts all der seit Monaten präsenten Aufforderungen, sich öffentlich klar zu dieser und klar gegen jene Konflikt- bzw. Kriegspartei zu bekennen, auf jeden Fall zur Notwendigkeit eines Krieges – ein wichtiges und mutiges Statement:

In der klassischen Legende ist Mulan eine junge Frau, die sich als Mann verkleidet, um der Armee beizutreten und anstelle ihres Vaters in die Schlacht zu ziehen. Oberflächlich betrachtet scheint die Geschichte für die Ermächtigung und Emanzipation der Frau einzutreten, doch im Grunde instrumentalisiert sie weibliche Repräsentation und Körper für patriarchalische und nationalistische Zwecke.“[1]

Von „patriarchialen und nationalistischen Zwecken“ aktueller Kriege und Kämpfe wird heute kaum öffentlich gesprochen. Auch SOLDIER M.I.A. spricht nicht über heutige Kriege und Kämpfe, Soldat*innen und Getötete, sondern über die historisch-fiktionale Figur Hua Mulan. Aber mit ihr im Raum stehen diese Fragen: Sind alle freiwillig Soldat*in, sind alle bereit, das eigene Leben dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, zu töten und zu verletzen, verletzt und getötet zu werden? Wie fühlt sich ein militärischer Einberufungsbefehl an? Wie hoch ist die Strafe für einen Deserteur? Ist es ein Fortschritt der Geschlechtergerechtigkeit, wenn auch Frauen, Trans- und nicht-binäre Menschen kämpfen dürfen oder müssen? 

In der Sprache der Performanceankündigung heißt das: „An welchem Kampf wird Soldier M.I.A. [= Soldatin Mulan in Aktion] heute teilnehmen? Wessen Flagge wird sie hissen… oder verbrennen?“ Mit anderen Worten: Wann wäre Mulan die mutige, Geschlechtergrenzen überschreitende Kämpferin, die wir uns wünschen? Was wünschen wir uns überhaupt?

Die kollaborative Tanz-Performance, die der Choreograph und künstlerisch Forschende Ming Poon über einen längeren Zeitraum gemeinsam mit einem Team entwickelt hat, öffnet diesen Diskurs- und Entdeckungsraum auf eine überraschend leichte und spielerische Weise. SOLDIER M.I.A. stellt vor allem persönliche Fragen und lädt nicht zum moralisch distanzierten Urteil über Andere ein, sondern zum gemeinsamen Erfahrungs- und Perspektivenaustausch, zum Experimentieren und (Kennen)Lernen. Die Bühne als zeitweiliger Workshopraum glitzert und fluoresziert, roafarben, silbern, in Perlmutt, es wird getanzt und gelacht, es gibt eine eigene musikalische Sprache, die manchmal Anleihen an die Chinesische Oper nimmt – und am Ende jeder Performance steht das offene Gespräch mit dem Publikum. Es geht dabei nicht um die Kriege, die in ihrem Horror kaum zu beschreiben sind – es geht um geteilte Beobachtungen, neugierige Fragen und eigene Bezüge etwa zur Geschichte der durch den Disney-Film auch im Westen popularisierten Mulan-Figur. Wie schauen wir auf sie, wie unterschiedlich sind wir sozialisiert und wie können wir trotzdem miteinander sprechen? 

Once war has started, it is too late to talk about humanity.“ („Wenn der Krieg einmal begonnen hat, ist es zu spät, über Humanität zu sprechen.“), steht unter den klugen dramaturgischen Notizen von Dandan Liu vom 19.11.2023, die als Handzettel vor Aufführungsbeginn ans Publikum verteilt werden. SOLDIER M.I.A. aber handelt, denke ich, eben doch von Fragen der Humanität und fragt nach Möglichkeiten, sie sich vorzustellen. 

Ich besuche die zweite Vorstellung nach der Premiere des Stückes. An diesem eisig kalten Novemberabend ist das English Theatre Berlin in Kreuzberg zum dritten Mal ausverkauft. Das Publikum scheint größtenteils sehr jung zu sein, viele sind wahrscheinlich unter 30 und einige dürften die US-amerikanische Zeichentrickversion (von 1998) der sehr alten chinesischen Hua Mulan-Legende als Kinder gesehen haben. Vorwissen – ob popkulturell oder historisch, traditionell – ist für den Aufführungsbesuch allerdings überhaupt nicht nötig.

Wir sitzen frontal gegenüber dem noch dunklen Bühnenraum, auf dessen leerer, heller Fläche sich nach und nach vier Silhouetten abzuzeichnen beginnen, die sich langsam in einem atmosphärischen Klangteppich bewegen. Es gibt keinen Vorhang und kaum ein Bühnenbild, nur vier weiße Stellwände im Hintergund, die später verschoben werden und vor allem praktische Funktionen haben (Bühne: Jennis Li). Es dauert eine ganze Weile, bis die vier Gestalten richtig sichtbar werden und auch dann bleiben sie ungewöhnlich. Zwei von ihnen tragen eine Brille, was für ein Tanzstück überraschend ist, allerdings erklärt der Blick auf den Programmzettel, dass wir neben dem Tänzer Lee Mun Wai auch die Dramaturgin Dandan Liu, die Sounddesignerin Sum-Sum Shen und die Kostümbildnerin Tin Wang als Performer*innen sehen werden. Alle vier tragen rosafarbene und silberne, glitzernde Kostüme, feine Stoffe, etwas futuristisch vielleicht, aber eigentlich zeitlich gar nicht einzuordnen, und sie bewegen sich alle auf unterschiedliche Weise durch den Raum, mit unterschiedlichen Bewegungsqualitäten.

Eine kleine Person tappt auf allen vieren und trägt einen silbernen Kordelschwanz, sodass sie aussieht wie ein phantastisches Tierchen, eine andere vollzieht langsame Bewegungen, die an Kampfsport oder Tai Chi erinnern, eine männlich lesbare Person erscheint am sichersten und geschmeidigsten in ihren Gängen und Posen, sie nimmt den meisten Raum ein und spricht am lautesten: der Tänzer. 

Alle vier stellen Fragen in den Raum, die in ihrer Abfolge wie die kleinen Choreographien improvisiert wirken und mal mit den Bewegungen zu tun haben, mal nicht. Das zeigt mir, denke ich, dass es hier um eine Suche geht, nicht um fertige Antworten, nicht um eine Art von Perfektion, die mir nur die Möglichkeit lassen würde, stumm zu bewundern. Wie geht Mulan? Weiß Mulan, was sie tut? Was ist Mulans Geschlecht? Sie fragen nach Mulans Äußerem, nach ihren Gesten, aber auch nach ihrer Motivation: Warum musste sie losziehen? 

Ja, warum musste sie zur Soldatin werden? Ich weiß fast nichts über Mulans Geschichte, auch wenn die dramaturgischen Notizen von Dandan Liu mich darüber aufklären, dass es hier um die Spannung geht „zwischen dem Individuum und drei Formen der Autorität, die abgeleitet werden von der Nation, der Familie und der Tradition“ (Übs. v.m.). Was bedeutet das? Das Bühnenlicht wird plötzlich strahlend hell, die Musik stoppt und die Dramaturgin und der Tänzer positionieren sich frontal zum Publikum – sie behaupten eine Art Interview. „Wann hast Du das erste Mal von Mulan gehört?“, fragt sie ihn, vielleicht aber auch jede*n im Publikum. Lee Mun Wai bekommt nun jedenfalls Gelegenheit, uns ein wenig in die Geschichte einzuführen und berichtet, dass die der alten chinesischen Legende nach vor hunderten von Jahren lebende Hua Mulan keine gewöhnliche Soldatin gewesen sei, sondern außergewöhnlich kriegerisch begabt und tugendhaft. Sie zieht nicht nur anstelle ihres kranken wehrpflichtigen Vaters in den Krieg – als sie schließlich geehrt werden sollte für ihre militärischen Leistungen (als vermeintlich männlicher Soldat), will sie nur noch nach Hause. So bescheiden!

Wir sehen dann ein auf die Bühnenrückwand projiziertes Video einer stark kostümierten Figur, von der wir später erfahren, dass es sich – natürlich – um die Darstellung der Hua Mulan in einer Chinesischen Opernaufführung handelt. Auch ihr Kostüm ist rosa und silbern, ihr Gesicht maskenhaft geschminkt, dazu trägt sie einen aufwändigen Kopfschmuck und eine Art Schwert, singt und tanzt. Interessanterweise sind die Bewegungen sehr anmutig und gleichzeitig sehr kraftvoll und präzise und scheint der Performer ein Mann zu sein, der hier eine Frau verkörpt, die wiederum vorgibt, ein Mann zu sein. Ist das eine queere Performance? – Tatsächlich geht es weniger um das Aufweichen von starren Geschlechtergrenzen als im Gegenteil um die perfekte Beherrschung der jeweiligen Normen und Codes: Der Mulan in der traditionellen Erzählung gelingt schließlich das unzweifelhafte Passing als „richtiger Mann“ in der chinesischen Armee. Oder stimmt auch das nicht?

Wir erfahren noch einiges über die Chinesische Oper (dass Männer Frauenrollen performten, ist nicht untypisch für diese Kunstform – und war, nebenbei gesagt, auch im europäischen Theater bis vor ein paar Jahrhunderten die misogyne Norm) und wir hören im Original die Ballade von Mulan, die als Volksgedicht wohl im 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus (wie hieße das nach chinesischer Zeitrechnung?) entstand. Ich lese die deutsche Übersetzung von Monika Knaden nach, in der es ganz am Ende heißt:

»Zwölf Jahre sind wir zusammen marschiert,
und wir haben nicht erkannt, dass Mulan eine Frau ist.

Männliche Hasen rennen gerne wild umher.
Weibliche Hasen haben verschleierte Augen und einen glasigen Blick.

Wenn du sie jedoch beide nebeneinander auf der Wiese rennen siehst,
wie kannst du sie dann unterscheiden und sagen, wer davon Mann oder Frau ist?« [2]

Abgesehen davon, dass unklar ist, warum weibliche Hasen einen glasigen Blick haben sollen – trinken sie zu viel Alkohol? weinen sie ständig? –, ist die Frage nach der Unterscheidbarkeit von „männlich“ und „weiblich“ immerhin nicht leicht zu beantworten, denn offensichtlich können beide ordentlich rennen. Ist das vielleicht doch ein Statement gegen Frauenhass? Tänzer Lee Mun Wai findet, dass die traditionelle Mulan-Performance die klassische chinesische Idee von „female power“ repräsentiere –

viel später werden die Worte „a loveless, desireless machine“ fallen. Auch in den Notizen von Dandan Liu lese ich, dass Mulan als Kriegsmaschine ihres Landes diente („Mulan serves as her country’s war machine“). Die vier in Taiwan, Singapur und China aufgewachsenen Performer*innen und Theaterschaffenden, die sich immer wieder auf der Bühne austauschen über ihre eigenen Eindrücke und Erfahrungen mit der Superheldin Mulan, können in ihr wenig Identifikationspotenzial entdecken – obwohl oder gerade weil sie die Legende dieser aufopferungsbereiten und gleichzeitig stahlharten Kämpferin teilweise von Kindheit auf kennen. Im Disney-Trickfilm wurde ihr immerhin noch eine (heterosexuelle) Liebesgeschichte angedichtet – die grundsätzliche Frage nach ihrer Kriegsbereitschaft allerdings nicht problematisiert.

Gerade ihr Unbehagen nehmen die vier auf der Bühne nun zum Anlass, nach einer neuen Mulan zu fragen und diese Ideen gemeinsam mit dem Publikum zu entwickeln. Die Ankündigung einer kollaborativen Tanz-Performance war also durchaus wortwörtlich gemeint – wobei der Tanzbegriff ein weit gefasster ist und eher Formen sozialer Choreographie meint.

Die vier Performer*innen laden das Publikum also tatsächlich zu verschiedenen Möglichkeiten ein, sich der Mulan-Figur durch Tanz, Kostüm, Musik oder Sprache zu nähern – und zwar in jenem Moment des Übergangs, in dem sie der Geschichte nach bereits ihre Familie verlassen hat, aber noch nicht im Heer angekommen ist. Es ist eben der Moment allein am Fluss, den wir bereits als Opernszene gesehen haben, der bereits besprochen und von Lee Mun Wai auch möglichst exakt nachgetanzt wurde. Wobei der zeitgenössische Tänzer als Mann, der eine Frau spielte, die einen Mann verkörpert, sich zarter und weniger übertrieben heroisch bewegte als der kunstvoll bemalte Operndarsteller – und damit bereits einen Spielraum der Uneindeutigkeit und Weichheit andeutete, der nahelegt, dass Mulan sich einer Existenz als brutaler Krieger(*in) vielleicht doch noch entziehen könnte… 

Wir als Publikum sind nun zum Mitdenken und Mitmachen eingeladen: Welche Alternativen hätte Mulan, wie wünschen wir sie uns? Bevor die Bühne allerdings tatsächlich für 20 Minuten zur offenen Werkstatt wird, dürfen wir zunächst an den Überlegungen der vier Profis teilhaben, um uns dann – wenn wir mögen – für eine ihrer Perspektiven und Arbeitsweisen zu entscheiden.

Die Sounddesignerin Sum-Sum Shen stellt zuerst drei verschiedene Klangcluster vor, von denen sie glaubt, dass sie drei wichtige innere Zustände Mulans darstellen. Sie nennt sie „Callings“, Rufe: Das Beckenrasseln symbolisiert die wartende Armee, während eine eher sentimentale Melodie an die Familie erinnert, die Mulan zurückgelassen hat und stark vermisst, eine Art „Pferdeschrei“ steht für den Ruf des Feindes und fordert zum sofortigen Kampf, zur notwendigen Verteidigung des Vaterlandes. Aber ist das der Kampf, den wir heute kämpfen wollen und können? Sum-Sum Shen schlägt vor, gemeinsam über neue Rufe und Signale nachzudenken, die einen neuen, eigenen Kampf bestimmen, und so einen anderen Soundtrack für Mulans Geschichte zu komponieren. 

Sie fragt aber auch, was wir tun können, wenn der Feind so groß ist, dass es unumgänglich einen gemeinsamen Widerstand braucht?

Die Dramaturgin Dandan Liu gibt zu, dass sie Angst hat. Sie habe gelernt, zu kämpfen – und sie wirkt tatsächlich sehr stark, wenn sie ihre Angst zugibt, nicht feige, sondern ehrlich und tief beunruhigt. Sie sagt Sätze wie: Ein Ei kann keinen Stein brechen. Sie fragt: Wie kann ich mutig bleiben, wenn der Feind übermächtig ist? Dandan Liu lädt eine einzige Person ein, die eigenen Erfahrungen mit Angst mit ihr zu teilen. Am Ende werden die Worte dieser Person den letzten Text der Aufführung beeinflusst haben – es wird darin um Mulans Flucht gegangen sein und um ihren Widerstand. 

Die Kostümdesignerin Tin Wang wiederum findet, dass die traditionelle, Vater, Vaterland und Armee liebende Mulan der Ballade eine viel zu langweilige Rolle spielen muss. Was sind ihre wahren Wünsche? Tin Wang hat verschiedene Kostümteile mitgebracht, mit deren Hilfe ein neues Äußeres für Mulan gestaltet werden kann, das ihre eigentliche Persönlichkeit hinter den Masken der treuen Pflichterfüllung zeigen könnte. Alle, die möchten, dürfen die Kostümteile selbst ausprobieren und sich gemeinsam mit Kopfschmuck, Schleiern, Flügeln und verschiedensten fragil-verspielten, mit Sicherheit kriegsuntaulichen Kreationen schmücken und verwandeln.

Der Tänzer Lee Mun Wai findet, dass sich die klassische Mulan-Heldin viel zu schnell viel zu sicher ist, in dem, was sie tun möchte. Sie ist zu aggressiv und scheint nur die Flucht nach vorn in den Kampf als Option zu sehen. Zuvor hatte er von seinem eigenen Armeedienst in Singapur berichtet, als in Friedenszeiten ein fiktiver Feind kreiiert wurde, um die Motivation zum soldatischen Training hochzuhalten – die Situation blieb absurd. Aber auch die christliche Moral, die Lee Mun Wai als Schüler eingeimpft wurde, erscheint ihm wenig hilfreich: Hätte er als schwuler Junge nach jedem Schlag, wie von Jesus gefordert, die andere Wange auch noch hingehalten, anstatt sich zu verteidigen, hätte er wohl kaum überlebt, meint er. Aber – warum ein Land wie Singapur verteidigen, in dem er selbst als homosexueller Mann (noch bis Dezember 2022) kriminalisiert und nicht geschützt wurde? Auch Mulan könnte sich fragen, ob sie nicht besser desertieren sollte… ob dieser Krieg wirklich der ihre sei? Er lädt ein, gemeinsam eine neue Choreographie mit neuen Haltungen für Mulan zu erproben.

Das Publikum lässt sich nicht lange bitten, vor allem junge Frauen kommen auf die Bühne und wählen eines der drei „Camps“ für Tanz, Kostüm oder Musik; die intime Gesprächsstation mit der Dramaturgin ist sofort belegt. Ich selbst kann mich nicht entschließen und überlege, ob ich mir das als „widerständige Haltung“ anrechnen darf? Wer auf der Tribüne sitzen bleibt – wie es mindestens die Hälfte des Publikums tut –, kann zwar das muntere Treiben unten beobachten, bekommt aber von den Gesprächen, die sich währenddessen ereignen und auf die es vermutlich ankommt, nichts mit. Es ist eine Unterbrechung der klassischen Rezeptionssituation im Theater und die Anwesenden, die immer wieder durch Texteinblendungen über der Bühne freundlich ermuntert werden, sich doch noch direkt zu beteiligen, gehen unterschiedlich damit um; viele unterhalten sich leise und entspannt. Auf der Bühne tummeln sich die Erfahrungs- und Austauschwilligen, die Atmosphäre ist heiter und trotzdem konzentriert. Während ich die dramaturgischen Notizen zu den verschiedenen Formen und Bedeutungen der Publikumsbeteiligung in Ming Poons Arbeiten noch einmal lese und immer noch darüber nachdenke, warum es mich nicht auf die Bühne zieht, wie ich die Situation beurteile und auf welche Weisen das praktische, körperliche Ausprobieren und die persönlichen, auf jeden Fall direkten Gespräche in den kleinen Gruppen die Wahrnehmung der gesamten Aufführung natürlich verändern, wird das Ende der Partizipationszeit verkündet. 

Auf der sich verdunkelnden Bühne formieren sich die vier bisher weißen Wände zu einer nur die Umrisse des Publikums reflektierenden Spiegelwand. Der Tänzer tritt in einem neuen, jetzt an einen lustigen Käfer erinnernden Kostüm nach vorn, die Choreographie ist verändert, immer noch wunderschön und anmutig, aber kaum kämpferisch im Gestus, die Veränderungen der Musik kann ich kaum bemerken (was mit meiner Wahrnehmungsfähigkeit zu tun hat, nicht mit dem Sound), der Text scheint zuerst die Fragen über Mulan zu wiederholen und dann zu einem Gedicht über ihre Flucht(wünsche) zu werden. 

Die Aufführung endet mit einem mehrfachen Lächeln und den ineinander schmelzenden Großprojektionen der hell leuchtenden Gesichter der vier Theaterschaffenden, die einerseits ihre Verbundenheit zeigen, andererseits – so kommt es mir vor – das Individuum hervorheben… das Individuum, das weltweit immer dann, wenn es kollektiv „höhere Werte“ zu verteidigen gilt, in homogenisierenden Identifikationsgruppen – meist sehr groben Kategorien wie „die Chinesen“,„die Russen“, „die Muslime“ etc. pp. – aufgehen soll. SOLDIER M.I.A. wendet sich gegen einen vereinheitlichenden Blick. Die Aufführung schichtet verschiedene Perspektiven übereinander, fragt nach Solidaritäten, vermeidet die Benennung konkreter Angreifer, Unterdrücker oder Opfer und öffnet so den Raum für das Nachdenken und Sprechen über die eigene Position, auch im Kontext von Kolonialisierung. 

Zu wem gehört Mulans Geschichte?, fragt der Programmzettel. Im anschließenden Gespräch mit dem ganz unterschiedlich und in verschiedenen Ländern sozialisierten Publikum bestätigt sich, dass es auch hier keine einheitliche Antwort gibt. Viele bedanken sich für die Aufführung, die sie als intellektuell und emotional anregend empfunden haben. Es gibt zudem noch so viel mehr über die Konzeption und den bisherigen und zukünftigen künstlerischen Forschungsprozess zu SOLDIER M.I.A. und zu weiteren „weiblichen Archetypen“ (der chinesischen Kultur) zu erfahren, dass noch das Glitzern der ersten Schneeflocken in der frostigen Novembernacht Mulans Kostüm und die zuletzt gestellten Fragen nach queerem Begehren zu reflektieren scheint. *

[1] https://www.etberlin.de/production/soldier-m-i-a/ (Übersetzung ins Deutsche von mir. AV)
[2] Zitiert nach: Wikipedia-Artikel „Hua Mulan“, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Hua_Mulan[Zugriff am 05.12.2023]. Übersetzt aus dem Chinesischen von Monika Knaden (2015). Die Ballade stammt aus der Zeit der Nördlichen Wei-Dynastie (386–534 n. Chr.), der /die Autor*in ist unbekannt.